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Agathe

Agathe

Agathe

 

 

gest. 07. Dezember 1994

Vorgeschichte:

Zu meinen ersten Ferienreitkursen, die ich in Moos in eigener Regie abhielt, kam auch Marlene aus Schliersee. Zusammen mit ehemaligen Reitschülern aus dem Tegernseer Tal und aus Ingolstadt ritten sie auf Pferden, die mir zur Ausbildung anvertraut wurden. Marlene, ein Mädchen mit Witz und mit Charme hatte eine glückliche Hand beim Umgang mit Pferden. Dies erkannte auch ihr Vater und bat mich, für seine Tochter ein Pferd zu suchen.
Dieses Pferd fand ich nach längerer Zeit bei einem Händler in Postau bei Landshut. Es war der Glanzrappe Elbrus aus der Tschechei. Ein Bild von einem Vollblüter. Drei- oder vierjährig, mittelgroß, mit imponierenden Grundgangarten. Ein Prachtkerl mit ausdrucksvollem, hübschem und edlem Gesicht. Zudem imponierte er durch beachtliche Nervenstärke.
Nicht nur Marlene war begeistert.
Auch mir hat dieser Wallach so gut gefallen, daß ich den Händler bat, sofort Bescheid zu geben, wenn er wieder einen Vollblüter dieser Art bekäme. Tatsächlich erhielt ich nach acht Tagen einen Anruf.
In der Nähe von Prag stehe ein Pendant zu Elbrus. Zwar kein Vollblüter, aber diesem zum Verwechseln ähnlich. Allerdings müsste er vor Ort unverbindlich besehen werden.

Agathe

Was wir dann auf dem Bauernhof am Stadtrand von Prag sahen, war alles andere als ein Vollblüter. Schon gar kein Pendant zu Elbrus. Eher ein Kladruber. Stattliche 173 cm Stockmaß. Ein ramsnasiger, beachtlicher Schädel, allerdings mit sympathischen Augen. Farbe braun. Kurze, schwarze Stehmähne. Wahrscheinlich auch kein reiner Kladruber. Die nämlich sind Schimmel oder Rappen.
Alter, na ja, die Zähne zeigten: ...älter als 10 Jahre.

Ein schlitzohriger Händlertrick. Trotzdem!
Das sympathische Pferd Agathe konnte schließlich nichts dafür. Anschauen konnte man sie wenigstens. Also los ging’s.

Agathe ohne Sattel,
Agathe unter dem Sattel,
Agathe beim Springen,
Schulterstand auf Agathe.

Kurz um, sie präsentierte sich als braves, unkompliziertes Pferd. Eigentlich, das mußte ich mir eingestehen, ein ideales Schulpferd. Nun mußte nur mehr der Preis stimmen. --- Der Preis stimmte natürlich nicht. Um über 1000,00 DM zu teuer. Der Handel war geplatzt.

Drei Monate später kam ein Anruf des Händlers, daß er nun den von mir gebotenen Preis akzeptiere. Agathe könne von mir in Deggendorf abgeholt werden.

Ein krankes, abgemagertes, knochiges, struppiges und trauriges Pferd war Agathe in den paar Monaten geworden. Obwohl ich mich über diese Tierschinder sehr ärgerte, nahm ich Agathe mit nach Hause. Das Pferd tat mir leid. Bezahlt habe ich nicht. Ich wollte erst sehen, ob Agathe noch zu retten sei. Ein neuer Preis wurde für den Fall, daß die Heilung glückt, ausgehandelt. Der Tierarzt Dr. Wunner sah keine reellen Chancen. Er empfahl die Rückgabe des Pferdes.

Ein Blick in die gequälten Augen dieser armseligen Kreatur ließ mir keine Wahl. Mit allen Mitteln, die ich kannte, wollte ich ihr helfen.

Aus einem Segeltuch fertigte ich einen Schlauch mit ca. 25 cm Durchmesser und etwa 120 cm Länge. Eine Sud aus Heublumen und Kamille wurde auf einer einflammigen Elektroplatte unter den Nüstern von Agathe gekocht. Der Dampf für die Inhalation gelangte durch die Segeltuchröhre in die Atemwege des Pferdes. Mehrmals täglich ließ Agathe bewundernswert ruhig diese Prozedur über sich ergehen. Offensichtlich spürte sie unsere Hilfe. Salben, Kräuter und natürlich Penicillin zusammen mit einer guten Portion Zuwendung machten aus Agathe nach längerer Zeit, aber auch nach beunruhigenden Rückschlägen, wieder ein gesundes Pferd mit Elan und Lebensmut.
Fein ausgewogenes Futter sorgte dafür, daß die hervorstehenden Rippen und Hüftknochen unter einem gesunden Polster ver-schwanden Auch die Augen bekamen wieder Glanz.
Als einzige Erinnerung an diese Zeit behielt Agathe eine Eigenheit. In der Morgenfrühe, wenn sie aus dem Stall in die frische Luft kam, hüstelte sie einmal kurz und trocken. Das hat sie das ganze Leben nicht mehr abgelegt.

Agathe

Im Reitschulbetrieb zeigte sich Agathe mit nur ganz wenigen Ausnahmen als eine wirkliche Hilfe. Anfänger behandelte sie fürsorglich. Fortgeschrittene Reiter konnten sich in der Dressur und im Springen über eine geduldige und korrekt arbeitende Lehrmeisterin freuen.
Wie ein launiges Mädchen zeigte sie allerdings manchmal, nicht immer nachvollziehbar aber unmissverständlich, Unmut bis zur Hinterhältigkeit. Dies nach ihrem eigenen Empfinden bei hektischer, ungerechter Behandlung oder bei wenig feinfühligen Reitern.
Franz, der von meinen Jugendlichen vertraut mit „Onkel Franz“ gerufen wurde, war ein harter Bursche. Ehrgeizig, forsch und draufgängerisch übertrieb der ehemalige Fallschirmjäger ab und zu seine Einwirkungen auf das Pferd. Er werkelte auf Agathe wobei damals mehr das Ziel und weniger das Gefühl für das Pferd sein Handeln bestimmte. Agathe versäumte dann auch nicht, deutlich zu zeigen, daß sie zumindest als Partnerin freundlicher respektiert werden wollte.

So auch anlässlich einer Springstunde.
Im Parcoursverlauf sollte als letzter Sprung eine imposante Baumstammpyramide zwischen zwei mächtigen Eschen überwunden werden. Onkel Franz, der ganz offensichtlich selbst Respekt vor dem Hindernis hatte, arbeitete mit Armen und Beinen um seinen Springwillen deutlich zu machen.
Typisch für Agathe war ihre Reaktion. -- Sie sprang. -- Sofort nach dem Landen jedoch blieb sie abrupt stehen. Dabei neigte sie ihren Kopf weit nach unten. Franz, noch in vorgeneigter Springhaltung, glaubte schon, es geschafft zu haben, sauste aber mit vollem Schwung an Agathes Hals entlang, Kopf voran in den Sand, daß es krachte.
Das Pferd prustete laut, so als wäre ihm Staub in die Nüstern gekommen und zupfte gelangweilt ein paar Grashalme, die seitlich aus dem Sand spitzten.
Franz stand benommen auf, schüttelte seinen Kopf und klopfte abwesend mit bedächtigen Schlägen seine Kleidung aus. Ungläubig und verwundert blickte er in die Runde, gerade so, als würde er die Umgebung zum ersten Mal sehen. Gottlob war weiter nichts passiert. Ein riesen Horn erinnerte ihn noch lange an seine Rutschpartie, die er sicher bis heute nicht vergessen hat.

Agathe
Jeder meiner aktiven Reiter bekam mit fest vereinbarten Rechten und Pflichten ein zu ihm passendes Pflegepferd von mir zugeteilt. Das vermittelte den Kindern den Eindruck ein eigenes Pferd zu besitzen. Außerdem erhielten die Pferde dadurch mehr liebevolle Zuwendung, die ich ihnen aus zeitlichen Gründen nicht immer geben konnte.
Agathe kam in die zusätzliche Obhut von Isabel Penker.
Von der Größe passte die kleine Isabel eigentlich gar nicht zu dem großen Pferd. Als eigenwilliges Einzelkind verstand sie es mit viel Geschick und auf ihre ganz spezielle, freundliche Art ihren Willen durchzusetzen. Es war ein lustiges Bild, wenn das zarte Mädchen mit den kurzen, abstehenden Pipi-Langstrumpf-Zöpfen bei der Pferdepflege auf der mächtigen, braunen Stute saß um dieser die Mähne zu einer Stehbürste zu schneiden. Mangels Masse war bei Agathe nämlich kein normaler Mähnenbehang möglich.
Agathe

In die Parallelklasse von Isabel ging die Tochter eines Tierarztes. Diese war schon öfter zu Besuch im Moos, weil ihr Vater sie unbedingt zum Reiten animieren wollte. Er dachte sogar laut darüber nach, daß er ihr eventuell ein Pferd kaufen würde.
Wie Kinder so sind, erzählte sie überall stolz und etwas prahlerisch, daß sie wenn, dann nur die Agathe haben möchte. Obwohl ich überhaupt nicht daran dachte, Agathe herzugeben, war bei Isabel Feuer am Dach.

Wie dies so oft im Leben ist: Es regelt sich halt manches ganz von selbst.
Der Tierarzt aus Weihenstephan brachte an einem Nachmittag seine Tochter zu einer Longierstunde.
Das Mädchen war eigentlich sehr nett. Etwas verkrampft, ängstlich und schüchtern aber absolut nicht mehr großsprecherisch. Damit bestimmt nichts passiert, wählte ich die brave Agathe als Longierpferd. Ich weiß bis heute nicht, was in das Pferd gefahren ist. Schon nach der ersten Runde im Schritt setzte Agathe das überraschte Kind mit zwei tückischen Bucklern ab. Ich kontrollierte die Auflage des Sattels und den Gurt. Nichts ! Zur Sicherheit ließ ich Agathe einige Runden ohne Reiter im Trab und im Galopp um mich kreisen. Alles verlief reibungslos.
Sobald das Mädchen wieder im Sattel saß, zwei Buckler und die Reiterkarriere der jungen Dame war endgültig beendet, bevor sie überhaupt erst begonnen hatte.
Empört, weinerlich und entmutigt meinte sie zu ihrem Vater: Sie habe immer schon so gedacht, wie ihre Mutter zu Hause. Warum sollte sie sich auf so ein Tier setzen, nur um wieder herunter zu fallen und sich weh zu tun?
Spätere Longierstunden mit Reitern auf Agathe verliefen immer reibungslos , ohne Stürze und ohne Zwischenfälle. Es blieb bei einem jener Rätsel, die uns Pferde ab und zu aufgeben.
Wer sich in diesem Falle die Schadenfreude nicht anmerken lassen wollte, brauche ich wohl nicht zu sagen.

Ein Bericht über Agathe wäre unvollständig, wenn nicht über ihr ganz privates Umfeld gesprochen würde.
Als Einzige im großen Stall lebte sie mit einer Gesellschafterin zusammen. Ein Kaninchen der edlen Rasse "Blauer Wiener" durfte von ihrem Futterhaufen fressen und nächtens in einer kleinen Kuhle dicht neben ihr schlafen. Empört gestampft hat Agathe nur, wenn sie von ihrem Beischläfer kurz verlassen wurde. Dann nämlich, wenn dieser dem Nachbarpferd über einen selbst gegrabenen Durchschlupf einen Besuch abstattete. Beide gehörten einfach zusammen. Selbst wenn Agathe wieder einmal das Sicherheitsschloss knackte und einen kurzen Ausflug in den Hof machte, verließ der Hase die Boxe nicht.
Agathe
Ja, das Geschick, sämtliche Riegel zu öffnen, selbst wenn dazu mehrere Schritte absolviert werden mussten, artete schon fast zu einem Gesellschaftsspiel zwischen ihr und mir aus. Wenn sie wieder einmal gewann, freute ich mich insgeheim, weil ich so ein kluges Pferd hatte. Schaden richtete sie nie an, weil sie nicht weglief. Meist graste sie friedlich vor meiner Wohnung und begleitete mich frei neben mir laufend, zum Stall.
Ich sprach mit niemandem darüber, aber es war mir oft so, als könnte ich jedes Mal in ihren Augen einen kleinen Triumph lesen.

Bei Dressurstunden, ja eigentlich überhaupt, sind sogenannte "Selbstläufer" bei Reitschülern weitaus beliebter als Pferde, deren Vorwärtsdrang energisch erarbeitet werden muss.
Agathe konnte, je nach Tagesform, schon etwas triebig sein.
Niki Fleischhacker war deshalb nicht gerade begeistert, als ich ihm während eines Ferienkurses die Agathe zuteilte. Mürrisch zog er sein Pferd zum Dressurplatz hinter sich her. Dabei entledigte er sich leise brabbelnd seines Unmuts. Vater Fleischhacker, der ausgerechnet an diesem Tage zugegen war, legte schon immer großen Wert auf einen "schneidigen" und vorbildlichen Sohn. Mit Argusaugen beobachtete er auch an diesem Tag schweigend seinen ärgerlichen Sprössling. Beim Nachsatteln klappte Nicki missmutig das linke Sattelblatt über seinen Kopf um den Sattelgurt nachzuziehen. Weil dies etwas Kraft erfordert, stemmte er sich mit dem linken, durchgedrückten Bein am Boden ein und zog mit der rechten Hand die Sattelstrippe kräftig nach oben.
Just in dem Moment trat Agathe ganz lässig mit dem linken Vorderfuß einen kleinen Schritt zurück und dabei dem Nicki voll auf den Fuß.
Sie gab auch nicht nach, als Nicki vor Schmerz brüllte und das Pferd mit der Schulter wegzudrücken suchte. Als ihm dies endlich gelang, humpelte er jammernd mit schmerzlich verzogenem Gesicht im Kreis vor der unschuldig und gelangweilt drein-blickenden Agathe.
Vater Fleischhacker stand vollkommen unbeteiligt daneben. Anscheinend teilnahmsvoll fragte er:

"Nicki leidest Du?"
Die Antwort kam gequält: "Ja Papa, sehr!"
"Dann leide stumm!" war der väterliche Rat.
Agathe
Mit Agathe und unseren anderen Pferden gingen wir immer wieder einmal auf Turniere. Im Grunde genommen sind mir ein Großteil der Reitturniere zuwider. Es kann mir einfach nicht gefallen, wenn viele ehrgeizige Schüler und noch verbissenere Eltern nach unberechtigten Siegerplätzen heischen. Nicht das Pferd steht dort oftmals im Mittelpunkt des Interesses, sondern die Verleihung billiger Siegerschleifen und prunkvoller, hässlicher Pokale. Ausnahmen ausgenommen, versteht sich.

Zwei Beweggründe veranlassten mich doch immer wieder, meine Kinder und meine Pferde zu Wettkämpfen anzumelden.
Erstens erfuhren meine Reitschüler dabei eine ausführliche Beurteilung durch kompetente Fachleute. Dabei erhielten sie außerdem die Bestätigung meiner Reitanweisungen, die sie von mir zu Hause auch immer wieder erhielten. Mit anderen Worten, von anderen Menschen und meist sogar in schriftlicher Form. Durch die Spannung während der Wettkampfatmosphäre prägte sich alles dies besonders nachhaltig ein.
Zweitens erreichte ich bei der Vorbereitung für die Teilnahme an einer Reiterprüfung, daß beim Unterricht konzentrierter gearbeitet wurde. Eine große Hilfe auf kleinem Umweg. Es kam den Pferden und auch ihren Reitern zugute und deshalb war mir auch dieses Mittel gerade recht.

Irgendwann im Sommer waren wir in Langenbach zu einem Reitturnier mit all unseren Pferden angemeldet.
Unter anderen: Isabel auf Agathe in der Dressur. Der Völlinger Flori im Springen. Das Bestechende an Agathe war, daß sie ihre Dressuraufgabe immer mit großer Präzision absolvierte. Nach den lösenden Übungen am Abreiteplatz marschierte sie mit Elan und gehörigem Schwung, daß es eine Freude war. Jede Prüfung wäre immer ein Traum gewesen, wenn, ja wenn sich Agathe nicht wieder einmal eine Boshaftigkeit ausgedacht hätte.
Üblicherweise erlebten wir immer den gleichen Ablauf:
Im Dressurviereck vor den Richtern ging sie schnurgerade auf die Mittellinie, Agathe stand geschlossen auf ihren 4 Säulenbeinen und trabte vom Fleck weg an. - Und dann kam`s:
Nach jeder weiteren Lektion wurde sie immer langsamer.
Isabel trieb, bekam rote Backen und trieb, daß ihr der Schweiß aus allen Poren glänzte. Agathe absolvierte ihre Aufgabe zwar korrekt aber schleppend, ohne Schwung und ohne Ausdruck. Damit machte sie natürlich alles zunichte. Im Laufe der Zeit hatte sie nämlich herausgefunden, daß im Dressurviereck die Reitgerte reine Dekoration war.
Draußen hingegen vor und nach der Prüfung mußte sie eine Aufmunterung mit der Gerte erwarten. Also ließ sie es gar nicht darauf ankommen. Dort am Abreiteplatz zeigte sie sich immer von ihrer besten Seite. Man hätte aus der Haut fahren können. In Langenbach am Abreiteplatz empfahl ich der Isabel damals folgende Strategie. "Sobald Du im Viereck bist, noch bevor das Zeichen zum Beginn gegeben wird, trabst Du an. Wenn Agathe nur den leisesten Ansatz zeigt, ihren Schongang einzusetzen, ziehst Du Deinen "Säbel" und demonstrierst, daß Deine Bewaffnung nicht nur nutzloses Requisit ist." Es hat geklappt! Schon beim ersten, dezenten Einsatz der Gerte erschrak Agathe fürchterlich und marschierte während der ganzen Aufgabe lustig und frei wie ein Vollblüter.
Es hat dann auch einen ersten Platz gegeben. Das machte Isabel glücklich und der Agathe war es wohl völlig egal.
Agathe
Agathe

Am Nachmittag waren die Springprüfungen angesetzt.
Ein A-Parcours mußte in einer festgelegten Zeit fehlerfrei überwunden werden. Der schnellste Nullfehlerritt war Sieger. Die Konkurrenz auf diesem ländlichen Turnier war beachtlich. Viele teure Privatpferde, von Berufsreitern vorbereitet, gingen mit Söhnen und Töchtern gut betuchter Eltern in die Prüfung.
Auch Lieserl, die Tochter des Landrats, war gemeldet. Aus unserer Mannschaft ging Flori mit Agathe an den Start.
Bedächtig überwand Agathe als erste Starterin jedes Hindernis fehlerfrei. Flori wählte sicherheitshalber weite Wege, die sein Pferd gemächlich hinter sich brachte. Null Fehler in der Zeit von 1,25 verkündete der Ansager am Lautsprecher.
Die nächsten Reiter fetzten über den Parcours. Manche hatten einen oder mehrere Abwürfe. Genau wie Lieserl kamen einige ohne Strafpunkte zurück. Der neue Sprecher am Mikrophon verkündete die Zeit von Lieserl mit einer Minute und 20 Sekunden.
Bei der Siegerehrung fand sich Flori mit Agathe an erster Stelle. Den dritten Platz belegte das empörte Lieserl. Sie war nämlich fest davon überzeugt, schneller gewesen zu sein. Empörung hin, Empörung her, Flori bekam die goldene Schleife.
Uns kam die Sache auch komisch vor. Des Rätsels Lösung war ganz einfach.
Der erste Ansager verkündete Floris Zeit mit Dezimalzahlen und der spätere Sprecher berichtete die verbrauchte Zeit in Minuten und Sekunden. Die Dezimalzahl 1,25 bedeutet 1 Minute und 15 Sekunden. Die Zeit von Lieserl 1 Minute und 20 Sekunden.
Was fünf verrechnete Sekunden ausmachen: Die eine Familie zweifelte an ihrem Wahrnehmungsvermögen. Die andere Familie feixte und freute sich über das goldene Band.

Agathe war, das muss wohl auch einmal gesagt werden, in Freising eine bekannte Persönlichkeit.

Viele, viele Jahre trug sie den heiligen Martin vor hunderten von Kindern durch Freisings Hauptstraße zum Domberg. Dort oben, neben einem lodernden Lagerfeuer und dem würdevollen Weihbischof stand sie wie aus Stein gehauen. Ohne zu zucken hörte sie der langen, salbungsvollen Rede des frommen Mannes zu.
Sehr oft erschien sie dann als "Titelphoto" in allen Tageszeitungen. Gelegentlich sogar mit dem Bischof aus München im Hintergrund.

Agathe im Gelände
In Zeiten, in denen es für alles Mögliche, somit auch bei Pferden, Spezialisten gibt, waren wir über die Vielseitigkeit von Agathe sehr froh.
So trug sie bei Ausritten problemlos junge Reiter, die ihre ersten Geländeerfahrungen machen mußten.
Auf dem Überlandritt in die Gegend um Passau hatte sie ein von der Gruppe nicht geliebtes, weil ziemlich träges und faules Mädchen auf ihrem Rücken. Ohne mein Wissen ließen die verärgerten Mitreiter dem Mädchen das Schmiedewerkzeug als Equipment im Rucksack mitführen. Eine etwas unangenehme und schwere Last.
Während jedem Galoppsprung krachten nämlich die harten Eisenteile rhythmisch ins Kreuz der Reiterin. Agathe nahm dies weitaus gelassener hin als das Mädchen, das nur ahnen konnte, weshalb ihr dies geschah.
Agathe vor der Kutsche
Wenn im Bekanntenkreis geheiratet wurde, zog natürlich die gute Agathe mit im Gespann die Kutsche? Man konnte es deutlich sehen: Das machte ihr Spaß. Mit Temperament und stolzer Aufrichtung stolzierte sie vor der festlich geschmückten Viktoria-Chaise.

Einmal wurde der Brautvater mit dem prächtigen Brautstrauß in Vötting abgeholt. Er sollte zum allgemeinen Treffpunkt gebracht werden.
Den Strauß behutsam auf der Sitzbank abgelegt, erklärte der aufgeregte Vater, hinter dem Kutscher stehend, umständlich den geplanten Verlauf der Festlichkeit. Dies dauerte der Agathe eindeutig zu lange.
Nach ungeduldigem Tänzeln schmiss sie sich plötzlich in die Sielen. Das Gefährt machte einen Satz nach vorne, sodass die Fahrt sehr ungestüm begann. Bei dem Ruck taumelte der Vater zurück und plumpste genau auf den Brautstrauß. Dieser verlor sein Aussehen und kurz darauf bei seinem Anblick die Braut beinahe die Fassung.

Agathe vor der Feuerspritze
Die Attachinger Feuerwehr besaß eine schwere Feuerspritze auf vier eisenbereiften Rädern. Über einhundert Jahre alt war das seltene Stück. Früher von einem Pferd gezogen, wurde auch diesmal beim Freisinger Volksfestzug unsere Agathe eingespannt.
Andi saß auf dem Bock. Dunkelblaue Feuerwehruniform, ein Originalhelm aus Messing und die gute, alte Zeit war wieder präsent. Eine Blaskapelle folgte dem über das Kopfsteinpflaster ratternden Spritzenwagen. Nicht das Getöse der Musik noch das Geratter der Räder machte der Agathe zu schaffen.
Das schwere Gefährt war es, das sie beim ersten Anzug aus der Fassung brachte.
Bei der Anfahrt nach jedem Stop, deren es bei so einem Umzug viele gibt, setzte sich das Fahrzeug sehr schwer in Bewegung. Agathe trappelte nervös und aufgeregt auf der Stelle weil sie das Gefährt nicht sofort vom Fleck weg bekam. Ängstlich rollte sie ihre Augen. Mit dem Kopf schlug sie auf und nieder und unwillig hin und her. Wie vor einem Sprung drückte sie ihre Kruppe auf die stark gewinkelten Hanken tief nach unten. Man konnte es deutlich sehen. Am Liebsten wäre sie auf und davon gerannt, wenn sie nur gekonnt hätte.
Einmal verhakte sie sich bei so einer Gelegenheit mit dem Zaumzeug am Deichselring. Dabei riss sie das Backenstück entzwei. Sofort fiel ihr die Trense aus dem Maul. Andi hatte zwar noch die Zügel in der Hand, aber jegliche Führung zu dem zappeligen Pferd verloren. Ich begleitete das Gefährt am Straßenrand hinter den Zuschauern und sah sofort das Malheur. Der Zug stand gottlob in diesem Moment immer noch. So konnte ich mit meinem bayerischen, roten Schnupftuch, das ich immer in der Tasche habe, die Trense wieder hochbinden. Damit war der Schaden behoben und ein peinlicher Zwischenfall vermieden. Die Musikanten, denen ich unser Problem erklärte, schoben von da an gemeinsam die Feuerspritze nach jedem Halt vom Fleck weg. Agathe kam dadurch nicht mehr in Bedrängnis und konnte die schwere Last beruhigt weiter ziehen.
In fast jedem Reitverein gibt es ein hoch geschätztes und viel geliebtes "Abzeichenpferd". Bei uns im Moos war dies, wie der Richter Günter Brinck immer mit großer Achtung bemerkte "die gute Agathe". Unzählige Kinder und Jugendliche absolvierten auf ihr das Reitabzeichen. Im Springen sowohl, als auch in der Dressur.
In ihrem Leben bei uns im Moos hat die "gute Agathe" viel dazu beigetragen, bei vielen Kindern aktive Tierliebe und Verantwortung für die Kreatur zu praktizieren.

Als Agathe älter wurde, hatte ich den Eindruck, daß sie der übliche Schulbetrieb erheblich belastete. Manchmal, wenn ich beim Unterricht einen Reitschüler zu mir rief um ihm etwas zu erklären, schlief Agathe sofort ein. Mit geschlossenen Augen und hängender Unterlippe nutzte sie jede Gelegenheit zur Schonung, die sie offensichtlich brauchte.

Wenn sie auf der Koppel merkte, daß Kinder auf der Anlage waren, ließ sie sich einfach nicht mehr fangen. Dabei hatte sie ein besonderes Geschick. Sie ließ jeden bis auf 10 cm an sich heran. Dann aber drehte sie lässig den Kopf zur Seite und ging ruhig und gelassen ihres Wegs. Interessant war, daß sie genau unterscheiden konnte, ob sie zur Arbeit oder zur Fütterung geholt werden sollte.

Im Dezember 83 wurde der Lerchl Sepp, ein großer Agathe-Fan, 60 Jahre alt. Etwa ein Jahr früher hat er, der schon immer ein sportlicher Mensch war, das Reiten begonnen. Nun sollte er von seiner Familie die Agathe zum Geschenk erhalten.

Mir kam dieser Kauf sehr gelegen. Agathe würde von einem älteren Reiter nicht so beansprucht wie im Schulbetrieb. Zudem vereinbarten wir, daß Agathe bis zu ihrem Lebensende in unserem Stall und in ihrer gewohnten Umgebung bleibt und nicht weiter verkauft werden darf. Für das Pferd sicher die ideale Lösung, die sich dann auch wirklich bewährt hat.

1984 zog Agathe mit uns in die Brandau.

Sepp liebte seine Agathe sehr. Jedes Mal wenn er kam, begrüßte er sie mit einem Honigbrot. Schmatzend mit saugender Zunge genoss sie diese Süßigkeit.
Die Beiden verstanden sich ausgesprochen gut. Agathe zeigte ihrem neuen Besitzer deutlich ihre Zuneigung. Andererseits war es rührend zu sehen, wie sie erzieherisch auf Sepp einwirkte. So lernte sie ihm behutsam, wie er mit ihr umzugehen hatte.
Mit der Zeit keimte in Sepp das Gefühl, daß er sich im Sport noch mal profilieren müsste. Unglücklicherweise suchte er im Springsport sein Glück. Seine Frau und auch wir rieten davon ergebnislos ab. Sepp, der in jungen Jahren der schnellste Läufer von Freising war, wollte noch mal Wettkampfluft schnuppern. Trotz einiger Knochenbrüche, die er einfach so wegsteckte, meldete er sich neben Dressurprüfungen, die er ehrenvoll bestand, auch zu Springprüfungen.
Zwei Ereignisse halfen mir schließlich ihn umzustimmen und seine Interessen in eine andere Richtung zu lenken.
Zu einem Springturnier in Freising hatte sich Sepp ohne etwas zu sagen, mit Agathe gemeldet. Da unsere Kinder dort auch starteten, erlebten wir seinen Auftritt. Hindernis 1 überwanden Agathe mit Sepp einwandfrei. Beim 2. Sprung, der nach einer Wendung folgte, verweigerte Agathe drei mal den Sprung. Sepp mußte den Parcours vorzeitig verlassen. Der Ärger darüber war so groß, daß sich Sepp ganze 14 Tage nicht mehr im Stall sehen ließ.
Das zweite Schlüsselerlebnis war auf einer Wiese in Gegenwart seiner Enkelin. Dort stand als ein ziemlich schwieriges Geländehindernis ein Baumtrog. Regenwasser glänzte in dem ausgehöhlten Stamm und der Boden davor war etwas tief. Sepp versuchte mehrmals vergeblich diesen Trog zu überspringen. Aus ihrer langjährigen Erfahrung als Schulpferd spürte Agathe ganz genau, wenn Sitz- oder Gleichgewichtsprobleme des Reiters nicht stimmten. Dann nämlich mußte ein Riss im Maul oder ein hartes Aufkommen im Rücken folgen. Dagegen schützte sie sich ganz einfach dadurch, daß sie stehen blieb. Hartnäckig versuchte es Sepp so lange, bis ihn der Kommentar seiner Enkelin: "Opa hör lieber auf, es wird heut doch nichts mehr!" gekränkt abziehen ließ.

Nach diesen beiden Ereignissen konnte ich den Sepp endlich dazu überreden, daß er sich dem Fahrsport zuwendete. Er kaufte ein Wagerl und war fortan immer wieder erfolgreich auf vielen Turnieren und Schauen.

Besonders geehrt wurden sie als älteste Teilnehmer beim Schauprogramm im "Pferd International" in München. Bruno Six, der exzellente Moderator des großen Programms würdigte den Einsatz und das Engagement von Sepp und Agathe, als zusammen über einhundert Jahre alte Teilnehmer.

Wenige Monate bevor unser restlicher Betrieb endgültig nach Thüringen wechselte, starb Agathe am 7. Dezember 1994 an einer Kolik.

Agathe war mein erstes Schulpferd in meinem neuen Reitstall. All die vielen Kinder, die in den zwei Jahrzehnten bei uns zu Hause waren, erinnern sich bestimmt an die große, braune Stute mit der Stehmähne. Sie war eine Persönlichkeit, die unser aller Leben bereichert hat.
In ihrem für ein Pferd sehr langen Leben war sie perfekte Lehrmeisterin, sanfte Erzieherin, treue Sportkameradin, vielgeliebte und verehrte Lebensgefährtin und nicht zuletzt dankbare Partnerin.
Prädikate, die jedem Menschen zur Ehre gereichten.

Wir sind dankbar, dass wir mit Agathe einen Teil unseres Lebensweges gehen durften.

Agathe

"Mein jetziges Pferd ist ganz große Klasse, aber wenn mich jemand fragen würde, welches mein liebstes Pferd war, würde ich ohne zu überlegen sagen - die Agathe."

Sepp Lerchl

 
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